3 von 6000 kommen durch!
26. März 2010 - 10:29 UhrWie so oft für mich hat mich der Werbeblogger mal wieder zu einem spannenden Gedankenexperiment angeregt, welches ich nicht vorenthalten möchte.
Hat ein Unternehmen ein Recht darauf, dass seine Werbung auch aufgenommen wird? Das wäre die vielleicht etwas ketzerische Frage. Natürlich nicht, sagt man da gleich. Die müssen schon selbst dafür sorgen, dass Sie so interessante Werbung produzieren, dass man sie wahrnimmt. Am Besten natürlich mit spannenden und witzigen Ideen und so weiter. Aber die Realität sieht ja anders aus. Die Firmen versuchen ja sich möglichst oft ins Gedächtnis zu bringen, mit Bannern, Pop-ups, Layern im Net. Prospekten, Anzeigen, Flyern, Beilagen in Print, mit Plakaten, Postern, Handzetteln in den Straßen und Spots in den Medien. Natürlich auch noch Virals bei Youtube und vielen vielen anderen manchmal schon fast kranken Ideen.
Viele potentielle Kunden die aber vor ihren Rechnern sitzen und den Werbeblocker im Browser installiert haben bekommen die Werbung, auch wenn sie denn witzig und interessant ist und das Produkt genau zu ihnen passt ja gar nicht mit. Und auch im Alltag blenden wir die Überbombadierung mit Werbebotschaften so gut wir können aus. Natürlich weil man gerne einen Rückzugsraum für sich haben möchte. Am PC noch mehr als im Straßenbild. Die Einführung des Privatfernsehens in den Achtzigern hat der Werbung aber einen Platz auf Ihrem Sofa zuhause verschafft. also direkt neben ihnen in ihren intimsten Momenten, der Privatheit. Und seit dem denkt die Werbung sie gehört zur Familie, also mindestens.
Laut einer Studie des IMK wird jeder Bundesbürger mit ca 6000 Werbekontakten täglich konfrontiert. Das schlimme an der Studie, sie ist aus dem Jahre 2004. Wie sehen da wohl aktuellere Zahlen aus? Weiter wurde dort gefragt an wieviele Werbekontakte sich denn Passanten in den letzten 24 Stunden noch erinnern können. Mit dem Ergebniss: 3!
3 aus 6000 ist also der Erfolgsfaktor bei Werbung. Ich bin kein Mathematiker, aber die Chancen dazu zu gehören scheinen mir noch deutlich schlechter als ein Sechser im Lotto. Vorsichtig liebe Lottoannahmestellen, sollten hier Unternehmen mit lesen, dann rennen die euch bald die Bude ein, einfach weil es effizienter sein kann sein Geld in Lottoscheine an zu legen, als in Werbung.
Wohlgemerkt zum Zeitpunkt der Studie gab es sicherlich noch deutlich weniger Werbung im Internet und viele andere Werbeformen waren auch nur größeren Unternehmen vorbehalten. Heute kosten 5000 Flyer im Druck keine Hundert Euro mehr sind für fast jeden direkt verfügbar und nur noch das Verteilen wird zum Kostenfaktor. Das Drucken und selber Verteilen kann sich aber mittlerweile auch jeder noch so kleine Laden im abgelegensten Winkel leisten.
Ich habe oft das Gefühl als könne sich die Anzahl der Werbekontakte sogar noch verdoppelt haben seit 2004. Der Erfolg eher nicht. Schon lange galt für Briefwerbung, heute sagt man wohl Mailingaktionen, eine Rücklaufquote von 10 Promille schon als sehr gut. Das bedeutet von 1000 Briefen haben 10 Leute geantwortet, noch nicht gekauft!
Würde für die 5000 Flyer bedeuteten, dass man bis zu 50 potentielle neue Kunden erhält für unter hundert Euro ( Vorlage basteln und selberverteilen jetzt mal nicht als Kosten eingerechnet wie man als Selbstständiger ja oft denken muss) 50 Kunden für 100 Euro bedeutet jeder neue Kunde kostet mich ca 2 EUR. Lässt er also 3 EuR bei mir im Laden spielt er schon was ein. und ab 5 Eur warscheinlich sogar schon Gewinn. Das ist eine durchaus sehr reizvolle Quote.
Allerdings nur, wenn die Potentiellen Kunden nicht bereits völlig abgestumpft sind. Wie sieht es aus mit den anderen 4950 Leuten die da angesprochen werden, ohne dass sie es wollen? Wieviele Kunden könnten dort potentiell denn noch schlummern? Könnte man vielleicht dort sogar mehr Kunden erreichen, wenn man auf die nervtötenden Flyer verzichtet und einfach nur ein Schild mitten unter ihnen aufstellt: Hier gibt es diese Leistung, Wenn sie diese benötigen kommen Sie vorbei! ?
Da es ein theoretisches Spiel ist kann man die Frage wohl getrost verneinen. Denn man bringt ja sein Schild schon nicht unter die Leute und auch das wäre ja ein Kontakt. Aber eben nur ein allgemeiner Kontakt und kein direkter und persönlicher. Durch das ständige “Bedrängt werden” hat die Werbung aber nicht wenig dazu beigetragen, dass unsere Bevölkerung immer abgestumpfter und unselbstständiger wird. Hinter jedem Busch lauert jemand der ihnen erklärt wie Ihr Leben noch “easyer” noch “freeer” und mit nochmehr “Comfort” ausgestattet werden kann. Alle sagen Sie ihnen, dass sie dazu gar nix tun müssen nur zurücklehnen und relaxen. Also nachdem sie den Vertrag unterschrieben haben.
Sonderbar nur, dass das Leben täglich trotzdem eher komplizierter wird durch all diese neuen Möglichkeiten. Und schon aus purem Selbstschutz wird man versuchen sich das irgendwann nicht mehr alles anhören und ansehen zu wollen. Das wäre vergleichbar mit einem Normalgewichtigen der den ganzen Tag unter Magermodells rumlaufen muss. Irgendwann denket er dann auch, dass er ein Problem hat und nicht die anderen. Ein sehr perfides Ziel , was Werber da oft, gewollt oder ungewollt, an den Tag legen.
Doch wie kommt man da wieder raus?
Der Werbebranche und den Werbetreibenden täte ganz sicher eine gemeinsame Abrüstungskampagne nicht schlecht.
Also glatter Verzicht auf immer mehr und immer greller, immer bunter und immer aufdringlicher. Also die praktische Kürzung sämtlicher Werbeausgaben um die Hälfte so zu sagen. Problem dabei, es müssten natürlich alle gleichzeitig tun, denn nur dann funktioniert es. Wenn nur einzelne Unternehmen damit beginnen, dann werden diese womöglich tatsächlich nur Marktanteile an den Kontakten verlieren und mehr wird sich nicht tun. Sie würden also die Chancen der Mitbewerber auf einen Platz unter den 3 Kontakten erhöhen, aber die 6000 nicht weniger werden lassen. So wird das ganze also eher nicht funktionieren. Braucht die Werbeindustrie also auch mal wieder eine richtig schöne und gefährliche Krise? Bisher scheint sie ja noch ganz Glimpflich davon zu kommen.
Vorschläge, wie man sowas auch ohne Crash erreichen könnte, wären hier durchaus willkommen. Einen Vorschlag hätte ich vielleicht gleich selbst.
Wie wäre es wenn Unternehmen Werbefreiezonen sponsoren?
Klingt erstmal widersinnig. Aber zum Beispiel wäre es doch denkbar, dass ein Unternehmen sich einen Strandclub, oder eine Beachbar, gerade jetzt über Sommer komplett exclusiv sichert. Dann werden weitestgehend alle Logos und Werbung verbannt, die jetzt noch auf Liegestühlen, Bierdeckeln, Gläsern Fußmatten und sonst wo rum liegen. Statt dessen ein kleienr dezenter Aufkleber an der Tür und von mir aus auch noch ein Flyer auf dem Tisch. Diese Werbefreie Zone wird ihnen Gesponsort vom Lieblingsbier, oder wer auch immer so mutig ist. Ich glaube ernsthaft, dass es in Zukunft darum gehen muss Menschen wieder echte Freiräume zu schaffen. Wir sind alle darauf angewiesen. Freiräume helfen Menschen, möglichst aktiv, intelligent und motiviert zu sein. Keine Dauerbedudelung und Überkontaktung, ja sogar Dauerkontrolle können das auf Dauer leisten. Wenn Menschen etwas nicht freiwillig tun, dann werden Sie es irgendwann überhaupt nicht mehr tun. Und sei es auch nur Ihre Cola kaufen, statt die der Konkurenz.
Schaffen Sie Freiräume denn, weniger ist oft mehr!
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